>Sehr geehrter Herr Dr. Goossens,
>
>vielen Dank für Ihre eMail vom 16.02.2005.
>
>Ich danke Ihnen für Ihre Einschätzung zur aktuellen Politik der SPD.
>Jedoch teile ich Ihre Auffassung nicht. Erlauben Sie mir bitte, Ihnen dies
>in einigen Grundzügen zu erläutern.
>
>Der AsJ-Bundsverstand unterstützt grundsätzlich den Vorstoß der
>Bundesjustizministerin, heimliche Vaterschaftstests wirksam zu
>unterbinden. Die AsJ fordert seit längerem ein Gendatenschutzgesetz, das
>Vornahme und Nutzung genetischer Untersuchungen im privaten Bereich
>restriktiv regelt. Die Akzeptanz für die Gentechnik wird langfristig
>leiden, wenn der genetisch gläserne Mensch droht. Das von der
>Bundesjustizministerin angestrebte Gendiagnostikgesetz ist ein wichtiger
>Beitrag zu einem verantwortlichen Umgang mit genetischem Material.
>
>Kern des Vorstoßes ist es, die Nutzung heimlich beschafften gentechnischen
>Materials ohne Wissen und Wollen des "Spenders" wirksam zu unterbinden.
>"Die Untersuchung genetischen Materials bedarf als Eingriff in die
>Persönlichkeitsrechte des Betroffenen stets der Rechtfertigung. Das Recht
>auf informationelle Selbstbestimmung fordert, dass die Verwertung des
>eigenen Genmaterials auf der freiwilligen und informierten Einwilligung
>des betroffenen Menschen oder seines gesetzlichen Vertreters gründet", so
>Baumann-Hasske. "Die heimliche Beschaffung genetischen Materials ist stets
>eine schwerwiegende Beeinträchtigung. Wer sie zu Zwecken der Klärung von
>Abstammungszweifeln zulassen will, öffnet einer beliebigen,
>unreglementierten und vor allem unkontrollierten Gewinnung und Verwertung
>genetischer Daten Tür und Tor".
>
>An diesem Ziel eines verantwortlichen Umgangs mit genetischem Material und
>klaren Regeln für ihre offene Erhebung und Verwertung geht die Kritik an
>dem Vorhaben vorbei. Es werden nicht private Vaterschaftsgentests
>verboten, sondern nur solche mit heimlich beschafftem Material und ohne
>Einwilligung der Betroffenen. Durch den technischen Fortschritt hat sich
>hier in den letzten Jahren ein fragwürdiger Markt entwickelt. Die
>Kommerzialisierung von Gentests darf nicht dazu führen, dass ohne Wissen
>der Betroffenen heimlich Untersuchungen durchgeführt werden, die für sie
>weit reichende Konsequenzen haben können. Eine Begrenzung anonymer
>Untersuchungen auf Fragen zur Vaterschaft wäre zudem kaum zu gewährleisten.
>
>Falsch ist, dass das Verbot heimlicher Vaterschaftsgentest ethisch zu
>missbilligende "unterschobene" Vaterschaften billige, die Unehrlichkeit
>von Müttern privilegiere und Ungewissheit über die biologische Abstammung
>zementiere. Das einzige, was den Betroffenen im Zweifelsfall abverlangt
>wird, ist, mit offenen Karten zu spielen, die Einwilligung zur Nutzung des
>gentechnischen Materials einzuholen oder - wenn diese verweigert wird -
>eine richterliche Entscheidung herbeizuführen. An ihrer Vaterschaft
>zweifelnde Männer haben nach geltendem Recht hinreichend Möglichkeiten,
>Zweifeln an ihrer Vaterschaft nachzugehen, durch die biologische
>Abstammung nicht gerechtfertigte Unterhaltslast und Verantwortung
>abzuwehren und Klarheit über die biologischen Abstammungsverhältnisse zu
>schaffen. Zur Wahrung ihrer schutzwürdigen Belange und
>Persönlichkeitsrechte müssen sie nicht zu einer verdeckten, heimlichen
>Genuntersuchung greifen. Es ist auch nicht ausgemacht, dass die verdeckte
>Klärung von Zweifeln für Familien und Partnerschaften der weniger
>belastende Weg ist. Die unbegrenzte Zulassung heimlicher privater
>Abstammungstests birgt Sprengstoff für gelebte soziale Zusammenhänge und
>ist geeignet, das Wohl von Kindern zu beeinträchtigen.
>
>Bei der in der Öffentlichkeit genannten Zahl von ca. 50.000
>Untersuchungen, bei denen in ca. drei Viertel der Fälle die Abstammung
>bestätigt werde, handelt es sich weit überwiegend gerade nicht um
>heimliche Tests, die von verantwortungsbewussten Instituten zu Recht nicht
>durchgeführt werden. Nicht unrealistisch, aber dennoch als Argument nicht
>überzeugend ist, dass bei einem Verbot die Tests einfach ins Ausland
>verlagert würden. Trotz der zu Recht immer enger werdenden politischen und
>wirtschaftlichen Verflechtungen in Europa sollten wir unseren hohen
>Anspruch auf Wahrung grundgesetzlich geschützter Rechtspositionen, wie dem
>Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht aufgeben. Sicherzustellen
>ist, dass Ergebnisse von Tests im Ausland im Inland einem umfassenden
>Verwertungsverbot unterliegen.
>
>Die AsJ setzt darauf, dass die geplante Koalitionsarbeitsgruppe wieder zu
>einer Versachlichung der Diskussion führt. Der Grundsatz, dass
>gentechnische Untersuchungen nur offen und mit Einwilligung der
>Betroffenen durchgeführt werden, darf nicht in Frage gestellt werden.
>Wünschenswert wäre allerdings, wenn in der Koalitionsarbeitsgruppe ein Weg
>gefunden wird, einen wirksamen Schutz vor heimlichen Vaterschaftstest und
>deren Verwertung ohne eine Strafbewehrung sicherzustellen. Die ultima
>ratio Funktion des Strafrechts sollte uns veranlassen, zunächst auf
>weniger einschneidende Reaktionsformen zurückzugreifen, wie die Verhängung
>eines Bußgeldes oder Schadensersatzpflichten gegenüber denjenigen, die
>unbefugterweise Genmaterial haben testen lassen.
>
>
>
>Mit freundlichen Grüßen
>
>Thomas Krüger
>
>SPD Parteivorstand
>Dialog-Service
>
>Tel.: +49 (0)30 25991 500
>Fax: +49 (0)30 25991 346
>
>mailto:parteivorstand@spd.de
>http://www.spd.de
>
>Postanschrift:
>Willy-Brandt-Haus
>Wilhelmstraße 141
>10963 Berlin
>
>exclusiv für SPD Mitglieder:
>http://www.spd-online.de
>
>
>09.03.2005


Antwortschreiben:

>Date: Thu, 17 Mar 2005 13:47:05 +0100
>To: Parteivorstand der SPD <parteivorstand@spd.de>
>From: Berndt Goossens <xxxx@xxxx>
>Subject: RE: Offene Antwort - offener Brief
>
>Sehr geehrter Herr Krüger, lieber SPD Parteivorstand,
>
>haben Sie vielen Dank für Ihre E-Mail-Antwort vom 9. März 2005.
>Über Ihre Ausführungen bin ich im Wesentlichen nicht überrascht. Leider,
>denn sie bestätigen nur allzu deutlich, was ich Ihnen zuvor bereits
>übermittelt hatte: Schon aus rein moralischen Gründen ist die SPD für mich
>unwählbar geworden. Das war sie nicht immer, und ich gestehe Ihnen frei
>meine Sympathien, die ich früher für diese Partei hegte. Ich sage "diese"
>Partei, nicht "Ihre" Partei, weil die SPD, die Sie vertreten, offenbar
>nicht mehr die Partei ist, die für die Tradition steht, die man gemeinhin
>der SPD subsummiert.
>
>Selbstbestimmte Vaterschaftstests sind in einer aufgeklärten Gesellschaft,
>wie dies die unsrige sein sollte, sobald sie über die technischen
>Möglichkeiten darüber verfügt, für jeden Vernünftigen eine
>Selbstverständlichkeit, ein Postulat der Humanität Kindern, Vätern und
>damit der schwer in Bedrängnis geratenen Institution Familie gegenüber.
>Das als "heimlich" schon durch die Wortwahl diffamieren zu wollen, wäre
>allenfalls noch gerechtfertigt, wenn fairerweise im Gegenzug von der
>Heimlichkeit immerhin mindestens 10% der Mütter gesprochen wird, die
>rechtswidrig ein Kind unterschieben. Sie erwähnen diesen Rechtsbruch und
>Straftatbestand, spielen ihn aber herunter und verwenden hier das Wort
>"heimlich" bezeichnenderweise nicht. Stattdessen tun Sie so, als ginge es
>Ihnen nur darum, im Zweifelsfall "mit offenen Karten zu spielen". Da fragt
>man sich natürlich: welches Gesetz wird denn im Gegenzug vorbereitet,
>damit auch die Kuckuckskind-Mütter genötigt sind, mit offenen Karten zu
>spielen, und also heimliche Unterschiebungen verunmöglicht werden?
>Indessen: völlige Fehlanzeige hier. Eine klare Verletzung des
>Gleichstellungsgrundsatzes!
>
>Überdies sprechen Sie wahrheitswidrig von Gentests, obwohl Sie, mit der
>Sache vertraut, genau wissen müßten, daß es sich bei Vaterschaftstests
>mitnichten um Gentests handelt (vgl. etwa das Schreiben der VALID e.V. an
>die Mitglieder des Dt. Bundestages). Doch soll die Formulierung offenbar
>der Bevölkerung untergeschoben werden, wie das Kuckuckskind dem möglichst
>solventen Mann. Das ist mindestens irreführend und daher keine gute
>Informationspolitik sondern Propaganda.
>
>Mehr als irreführend ist die Inanspruchnahme des Rechts auf
>informationelle Selbstbestimmung in diesem Zusammenhang, in dem es, wie
>Sie ebenfalls genau wissen müßten, nichts zu suchen hat. Dieses Recht
>wurde m.W. eingeführt zur Zeit der Volkszählung vor nun ca. 20 Jahren. Es
>war gedacht als ein Recht des Bürgers gegen den Staat! Mittels eines
>solchen Rechts in einen bestehenden Familienverbund hineinregieren und
>Privates regeln zu wollen, impliziert eine unzulässige Zweckentfremdung.
>Innerhalb der Familie sind ohnehin Daten einzelner Familienmitglieder den
>andern bekannt, die niemanden sonst etwas angehen. Hier hat der Staat auch
>und zurecht keine Regelungen vorgesehen. (Noch nicht, muß man wohl
>skeptisch hinzufügen.) Daß da beim sog. genetischen Fingerabdruck, der -
>ich wiederhole - kein Gentest ist, eine Ausnahme gemacht werden soll, kann
>nicht wirklich rechtstaatliche Gründe für sich beanspruchen. Nach Lage der
>Dinge sind diese vielmehr pekuniärer und, damit einhergehend,
>ideologischer Art.
>
>Zumal: Eine Partei wie die SPD, der die informationelle Selbstbestimmung
>der Bürger in unserem Land ansonsten so schnuppe ist, daß sie genetische
>Untersuchungen bei (anderen) Delikten in weit größerem Ausmaß als bisher
>rechtlich ermöglichen will, daß sie nichts dagegen hat, wenn sogar zum
>Erwerb von Eintrittskarten zu einem Fußball-Länderspiel persönliche Daten
>erhoben werden, daß sie mir nichts dir nichts das Bankgeheimnis zunächst
>aushölt, um es dann de facto ganz abzuschaffen, daß sie in Zukunft
>persönliche Handy- und E-Mail-Daten über längere Zeiträume hinweg
>speichern will und vieles andere mehr - eine solche Partei befindet sich
>ideologisch beängstigend weit schon auf dem Weg hin zu einem gläsernen
>Gemeinwesen Orwellscher Prägung. Daß dieselbe Partei dann im privaten,
>zwischenmenschlichen Bereich mit dem Argument der informationellen
>Selbstbestimmung kommt, das Väter zu achten haben, der Staat selbst
>hingegen und die von ihm allzeit - und nun auch noch bei Rechtsbrüchen! -
>verhätschelten Mütter aber nicht, ist eine Ungeheuerlichkeit. Die SPD, die
>in ihrer derzeitigen Innen- und Rechtspolitik nicht zögert, immer wieder
>bestehende Datenschutzbestimmungen zu torpedieren, hat am allerwenigsten
>das Recht auf dieses Argument.
>
>Durch ihre Politik entfernt sich Ihre Partei vielmehr selbst mit
>Siebenmeilenstiefeln von dem Rechtstaat, der die Bundesrepublik - auch
>Dank der SPD - einst gewesen ist: Nicht nur die für jeden Rechtsstaat
>verbindliche Unschuldsvermutung für Verdächtigte wurde etwa beim
>Gewaltschutzgesetz faktisch außer Kraft gesetzt - und beim neuerdings
>erwogenen Stalking-Paragraphen wird es leider wohl kaum anders werden -;
>nein, auch Menschenrechte von Kindern und Vätern werden nun mit Füßen
>getreten (das Recht auf das Wissen um seine Abstammung bzw. Vaterschaft
>ist ein solches).
>Der Gipfel dieses menschenrechtswidrigen Politikverständnisses - aber
>höchst symptomatisch - ist es, wenn offenbar keiner der Politiker Ihrer
>Partei, die sonst den Begriff der Menschenrechte allzeit pathosgeladen auf
>den Lippen führen, etwas dagegen einzuwenden hat, daß das
>Bundesverfassungsgericht vollmundig erklärt, Entscheidungen des
>Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte seien für deutsche Gerichte
>nicht bindend. Verehrte SPD, es ist gerade erst 60 Jahre her, daß sich
>deutsche Gerichte zuletzt den Menschenrechten gegenüber als erhaben dünken
>durften. Nur der rechtspolitische Sprecher der FDP hat dies im Bundestag
>moniert: Eine Schande für unseren Rechtsstaat und eine Schande für Ihre Partei.
>
>Ich will hier nicht weiter fortfahren, Ihnen gleichsam die Leviten zu
>lesen. Das ist derzeit wohl ohnehin zwecklos.Fakt indessen ist:
>
>1. Die heutige SPD entfernt sich zunehmend davon, der Moral Einfluß auf
>ihre Politik zu gewähren. Sie ist damit nicht mehr die Partei Helmut
>Schmidts, der noch den kategorischen Imperativ Kants als Grundlage auch
>politischen Handelns kannte.
>
>2. Die heutige SPD agiert nicht mehr nach den Grundsätzen der
>Ausgewogenheit und Vermittlung, sie will stattdessen obrigkeitsstaatlich
>verordnen und gängeln, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Bürger
>(siehe Vaterschaftstests) dagegen ist. Sie ist damit nicht mehr die Partei
>Willy Brandts, der sich im Gegenteil vorgenommen hatte, mehr Demokratie zu
>wagen.
>
>3. Die heutige SPD ist nicht mehr im strengen Sinne eine Volkspartei, in
>der jedes Individuum als Volksteil gleichermaßen mit seinem berechtigten
>Interessen eine Stmme hat. Sie ist vielmehr zu einer Klientelpartei für
>Frauen, Mütter und allenfalls noch Kinderlose geworden, die sich
>rücksichtslos gegen Väter und den ebenso betroffenen Kindern, damit aber
>gegen die Institution Familie verschworen hat. - Sie ist keine Volkspartei
>mehr und also auch nicht mehr die Partei Herbert Wehners, des
>Hauptinaugurators des Programms von Godesberg.
>
>4. Schließlich und zu allem Überfluß - das folgt aus den Punkten 1 bis 3 -
>ist die heutige SPD nicht mehr die Partei des beherzten
>Antitotalitarismus. Sie beschließt gegen rechtsstaatliche Prinzipien ein
>sog. Gewaltschutzgesetz, wendet sich gegen wichtige Menschenrechte und
>leistet dem Überwachungsstaat zumindest Vorschub, all dies für eine
>bestimmte Klientel und Ideologie, aber durchweg gegen Männer, Kinder,
>Familie. Sie ist damit nicht mehr die Partei des tapferen Otto Wels, der
>sich 1933 im Reichstag öffentlich gegen die Zerstörung des Rechtsstaats
>zur Wehr gesetzt hat.
>Statt in diesen Traditionen weiterzuschreiten, bereitet die SPD in der
>Regierung lieber ein Ermächtigungsgesetz für betrügerische Ehefrauen vor.
>
>Es tut mir leid, so über die SPD urteilen zu müssen, doch hat sie es
>augenblicklich wohl nicht anders verdient.
>
>Die Quittung indessen wird kommen. Schon demnächst bei den Landtagswahlen
>in NRW, da bin ich sicher. Für viele, die ich kenne zumindest hat ihre
>Partei nicht etwa durch die regide Wirtschaftspolitik, durch den Abbau von
>Sozialleistungen und durch die wachsende Zahl an Arbeitslosen den letzten
>Rest an Kredit verspielt. Wer nachdenkt weiß, daß daran in einer zunehmend
>globalisierten Gesellschaft kaum viel zu ändern war und auch durch die
>jetzige Opposition nicht geändert worden wäre. Nein, aber durch ihre
>störrische, unausgewogene und gegen alle guten Sitten verstoßende Position
>in der Frage der Vaterschaftstests hat die SPD bei Vielen den letzten
>Funken Vertrauen verloren. Und es wird sehr schwer sein, dieses Vertrauen
>zurückzuerlangen.
>
>Mit freundlichen Grüßen
>Berndt Goossens


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